Tag 19: Unser letztes echtes Highlight
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Husavik · 2026-08-31

Tag 19: Unser letztes echtes Highlight

von Jürgen 8 Min. Lesezeit

Heute ging's für uns von unserem Campingplatz in Laugar weiter Richtung Húsavík - und dieser kleine Ort hatte für uns (zumindest für mich - Patci durfte in ihrem Auslandssemester in Kanada bereits ähnliches erleben) eines der absoluten Highlights der gesamten Reise auf Lager. Ein bisschen Kontext vorweg: Húsavík ist ein beschauliches Küstenstädtchen mit gerade mal rund 2.300 Einwohnern, das direkt an der Bucht Skjálfandi liegt - und sich völlig zurecht den Titel "Wal-Hauptstadt Islands" (manche sagen sogar Europas) auf die Fahnen geschrieben hat. Die nährstoffreichen Gewässer der Bucht sind im Sommer ein einziger, riesiger Futtertisch für Wale, weshalb Jahr für Jahr rund 100.000 Menschen von hier aus in See stechen, um genau diesen sanften Riesen zu begegnen. Aber erstmal der Reihe nach…

Den Tag ließen wir ganz gemütlich in ein paar der süßen Souvenirläden des Ortes starten, bevor's dann weiter ins Húsavík Whale Museum ging. Und dieses Museum ist wirklich einen Besuch wert: Es ist in der ehemaligen Schlachthalle des Ortes untergebracht und beherbergt auf rund 1.600 m² 12 echte Walskelette. Das absolute Prunkstück - und hier wird's kurz zahlenlastig für alle Interessierten - ist das 25 Meter (!) lange Skelett eines Blauwals, des größten Tieres, das auf unserem Planeten lebt. Man geht auf der oberen Ebene den sogenannten "Whale Walk" entlang, also mitten hindurch zwischen den aufgehängten Skeletten der verschiedenen Arten, und bekommt so ein richtiges Gefühl für die schiere Dimension dieser Tiere. Nebenbei betreibt das Museum auch aktive Forschung an den Walen der Skjálfandi-Bucht - ein Punkt, der später am Tag nochmal wichtig werden sollte.

Bevor's aufs Wasser ging, war aber erstmal eine ordentliche Stärkung fällig, und die holten wir uns im Restaurant "Naustið" - einem kleinen, feinen Fischrestaurant mitten im Ort. Das Lokal ist in einem von außen eher alt wirkenden Gebäude untergebracht und hat einen gewissen Charme. Fangfrischer Fisch, in geothermalen Quellen gebackenes “Lava Brot” und Fischsuppe, für die das Haus quasi berühmt ist - genau das, was wir brauchen um in den restlichen Tag zu starten.

Und dann wurde es ernst: Um 15:30 Uhr startete unsere Speedboat-Whale-Watching-Tour beim Anbieter "Gentle Giants". Anders als die gemütlichen, großen Eichenboote setzt man hier auf schnelle Schlauchboote, mit denen man deutlich flotter und wendiger im Fjord unterwegs ist - was sich noch als Gold wert herausstellen sollte.

Wir fuhren etwa 25 bis 30 Minuten auf die andere Seite des Fjords, und schon nach relativ kurzer Zeit war es soweit: In der Ferne durchbrachen zwei Buckelwale die Wasseroberfläche. Unser Guide, ein Holländer namens Jelmer, der eine wirklich beeindruckende Ahnung von Walen und allem drumherum hatte, erkannte die beiden sofort und meinte, es handle sich vermutlich um "Miss Madeira" und "Primero".

Was ich faszinierend fand: "Woher weiß so ein Guide bitte, welcher Wal das ist?" Die Antwort lautet: an der Fluke, also der Schwanzflosse. Jeder Buckelwal hat auf der Unterseite seiner Fluke ein völlig einzigartiges Muster aus schwarzen und weißen Pigmenten sowie eine ganz eigene Form und Kerbung der Hinterkante - quasi ein Fingerabdruck, so individuell, dass sich damit jedes einzelne Tier zweifelsfrei identifizieren lässt. Und weil das so gut funktioniert, gibt's eine geniale Plattform namens "Happywhale", eine Art weltweite Datenbank, in die jeder seine Flossenfotos hochladen kann. Die Webseite gleicht das Muster ab und spuckt einem aus, um welches Individuum es sich handelt, wo es schon überall gesichtet wurde und wie oft. So werden aus anonymen Walen plötzlich alte Bekannte mit Namen und Sichtungsgeschichte.

https://youtube.com/shorts/syMUETm3Xys?feature=share

Madeira und Primero begleiteten uns dann einige Minuten lang, tauchten immer wieder ab und auf, und demonstrierten uns dabei mehrfach aus nur wenigen Metern Abstand zum Boot ihre unglaubliche Grazie und gleichzeitig ihre gewaltige Größe. So ein Tier, das lautlos und in aller Ruhe direkt neben einem durchs Wasser gleitet, größer als das Boot, auf dem man sitzt - das ist schlichtweg unbeschreiblich und geht einem schon sehr nahe.

Danach hieß es weiterziehen, denn über Funk hörten wir von weiteren Sichtungen in der Umgebung. Und kaum losgefahren, sahen wir schon in weiter Ferne einen dritten Wal, der eindrucksvoll Wasser in die Höhe "sprühte". Auch dazu ein kurzer Exkurs: Dieses Sprühen nennt man den "Blas" (englisch "blow" oder "spout"), und es ist im Grunde nichts anderes als das Ausatmen des Wals. Wenn er nach dem Tauchen an die Oberfläche kommt, stößt er durch sein Blasloch die verbrauchte, warme und feuchte Luft explosionsartig aus, welche in der kühleren Außenluft zu genau dieser typischen Fontäne kondensiert. Wir fanden das Tier, es handelte sich um "Khaleesi" - was heißt “wir fanden” das Tier - eher fand das Tier uns. Wir fuhren zum ungefähren Ort wo wir es davor gesehen hatten und ließen uns dann etwas treiben ohne dass wir wussten wo genau “Khaleesi” wieder auftauchen würde. Und aus dem Nichts keine 2 Meter von uns entfernt, taucht sie auf und “sprüht” unser gesamtes Boot mit Wasser voll - Wow…. damit hat wohl keiner - nichtmal unser Guide - gerechnet. Danach bewegt sich “Khaleesi” noch wie auf einer Wolke schwebend ein paar mal neben unserem treibenden Boot zw. Wasseroberfläche und 1-2 Meter unter Wasser auf und ab und verabschiedet sich mit einem “Flukenschlag” in tiefere Gewässer.

https://youtube.com/shorts/6xMq92y6f3E?feature=share

Und während wir noch geduldig darauf warteten, dass Khaleesi nach ihrem Abtauchen wieder auftauchen würde, passierte etwas, das uns endgültig sprachlos machte: In vielleicht einem Kilometer Entfernung durchbrach ein vierter Buckelwal geradezu archaisch die Oberfläche (er hieß übrigens “Archaisch”) - er "breachte", also sprang mit seinem gesamten, tonnenschweren Körper aus dem Wasser. Und das nicht nur einmal, sondern bestimmt fünf- bis sechsmal hintereinander, wobei er sich jedes Mal in voller Größe präsentierte und mit einem gewaltigen Klatschen zurück ins Meer krachte. Warum Wale das tun, ist unter Forschern übrigens bis heute nicht restlos geklärt - die Theorien reichen von Kommunikation über das Abschütteln von Parasiten bis hin zu schlichtem Spieltrieb. Wir gaben natürlich sofort Vollgas in seine Richtung, aber wie das Leben so spielt, war die große Sprungeinlage bei unserer Ankunft leider schon vorbei. Ein paar Mal bekamen wir ihn noch zu Gesicht, doch danach ging's auch schon wieder zurück in den Hafen von Húsavík.

Und weil unserem Guide “Jelmer” das Thema “Wale” offensichtlich so am Herzen lag, gab's auch direkt noch eine kleine Biologie-Stunde für uns: Wale sind nicht nur beeindruckend anzusehen, sie sind echte Klimaschützer. Wie soll das funktionieren? Wale tauchen zum Fressen in die Tiefe und kommen zum Atmen an die Oberfläche zurück. Ihr nährstoffreicher Kot wirkt dort oben wie ein gewaltiger natürlicher Dünger und versorgt das Phytoplankton mit lebenswichtigen Stoffen wie Eisen und Stickstoff.

Und dieses Phytoplankton, diese mikroskopisch kleinen Algen, sind wiederum absolute Schwergewichte fürs Klima: Sie produzieren rund die Hälfte des Sauerstoffs, den wir alle atmen, und binden dabei enorme Mengen an CO₂ aus der Atmosphäre. Mehr Wale bedeuten also mehr Plankton, und mehr Plankton bedeutet mehr Sauerstoff und weniger CO₂. Dazu kommt, dass so ein gewaltiger Wal über sein langes Leben selbst tonnenweise Kohlenstoff im eigenen Körper speichert - und wenn er irgendwann stirbt, sinkt dieser Kohlenstoff mit ihm auf den Meeresgrund, wo er für Jahrhunderte gebunden bleibt (und nebenbei noch ein ganzes Ökosystem am Tiefseeboden mit Nahrung versorgt). Ein einziger Großwal bindet auf diese Weise im Laufe seines Lebens soviel CO₂ wie in etwa 1.500 Bäume.

Kurzum: Diese sanften Riesen sind weit mehr als nur ein unfassbares Erlebnis und Fotomotiv - sie halten ganze Ökosysteme am Laufen und leisten dabei einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Ein weiterer, ziemlich guter Grund also, warum es sich mehr als lohnt, diese Tiere und ihren Lebensraum zu schützen. (was übrigens nicht selbstverständlich ist - die Buckelwal-Population hat die Menschheit bis zu den 70ern nämlich bereits schonmal um die Hälfte auf ca. 70.000 Tiere weltweit reduziert - aufgrund guter Schutzinitiativen konnte sich die Population nun wieder auf ca. 150.000 Tiere erholen. Aber man sieht - es liegt an uns, dass wir diese wunderbaren Geschöpfe noch viele Jahre sehen und bewundern dürfen.

Zum Abschluss erzählte uns Jelmer auf der Rückfahrt noch etwas, das uns nachdenklich zurückließ und diesen Tag perfekt einrahmte: nämlich wie wichtig genau solche Whale-Watching-Touren eigentlich sind. Zum einen, um uns Menschen die Nähe zu diesen faszinierenden Geschöpfen überhaupt erst zu ermöglichen, und zum anderen, um dadurch eine emotionale Verbindung aufzubauen - eine Verbindung, die hoffentlich dazu beiträgt, dass wir künftig besser mit diesen Tieren und unserer Umwelt insgesamt umgehen. Denn man schützt am Ende eben nur das, was man kennt und gewisse Emotionen in einem auslöst.

PS: nach einer fantastischen Aufholjagd führe ich erstmals in unserer Suzuki Jimny Challenge mit 17:12 - das werde ich mir nicht mehr nehmen lassen!

Bis bald!

Jürgen

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