Latrabjarg · Rauðisandur · Flókalundur · 2026-08-28
Tag 16: Ans westliche Ende Europas: Vogelklippen & roter SandDay 16: To the western end of Europe: bird cliffs & red sand
Um 9 Uhr ging's für uns los vom Strönd Guesthouse Richtung Latrabjarg - und so weit weg das auf der Karte aussieht (ca. 2h Fahrt, die sich mit all den Fotostopps aber min. auf 3h ausdehnten), so mühsam waren auch die Straßenbedingungen. Wer die Westfjorde bereist, weiß, dass "Straße" hier ein recht dehnbarer Begriff ist - endlose Schotterpisten, Wellblech, das einem das Auto (und die Bandscheiben) durchrüttelt, enge Passagen, die sich an steilen Hängen entlangschlängeln, und Serpentinen, bei denen man besser nicht zu weit nach unten schaut. Ihr seht's auf den Fotos.
Aber - und das ist das große Aber dieses Tages - Mutter Natur meinte es endlich einmal richtig gut mit uns: strahlender Sonnenschein, tiefblauer Himmel und traumhaftes Wetter, wie wir es auf dieser Reise bis dahin selten hatten.
Am Weg mussten wir natürlich immer wieder kurz stehen bleiben, um diese Landschaft festzuhalten. Da wäre zum Beispiel dieses kleine Steinmandl (ein aufgeschichteter Steinturm - Kleifabui), das einsam über einem Fjord thront und ausschaut, als würde es Wache halten.

Oder ein ganzer Gebirgszug mit diesen typischen, oben wie mit dem Lineal abgeschnittenen Tafelbergen der Westfjorde - davor ein Fjord, dessen Wasser so türkisklar und ruhig war, dass sich die Berge darin spiegelten und man bis auf jeden einzelnen Stein am Grund sehen konnte.

Und dann schob sich uns quasi ungeplant noch ein zweites Highlight in den Weg: das Wrack der Garðar BÁ 64, des ältesten Stahlschiffs Islands (Baujahr 1912), das hier seit Anfang der 80er rostend am Kiesstrand vor sich hin verwittert. So ein rotbrauner Koloss mitten in dieser menschenleeren Einöde hat schon etwas “mysteriös”-Schönes.


Nun aber zum eigentlichen Ziel - Latrabjarg. Und hier muss ich ein bisschen ausholen, denn dieser Ort ist etwas ganz Besonderes: Latrabjarg ist die größte Vogelklippe Europas, ganze 14 km lang und an manchen Stellen bis zu 440 m hoch - und gleichzeitig der westlichste Punkt Islands und Europas. In der Hochsaison von Mai bis August ist das hier ein Naturspektakel, das seinesgleichen sucht: Millionen von Seevögeln in rund 10 Arten bevölkern die Klippen - allein rund eine Million Papageientaucher (isländisch "Lundi"), dazu Tordalke ("Álka"), Trottellummen, Basstölpel, Dreizehenmöwen und Eissturmvögel ("Fýll"). Direkt am Wegrand stehen dazu liebevoll gestaltete Infotafeln, auf denen genau diese Arten erklärt werden. Das eigentlich Verrückte an diesem Ort: Weil die Klippen unter Schutz stehen und die Vögel den Menschen über Generationen kaum als Bedrohung kennengelernt haben, sitzen sie oft nur ein, zwei Meter neben dem Pfad - weshalb Latrabjarg weltweit als einer der besten Orte gilt, um Puffins zum Greifen nah zu fotografieren. Die kleinen Kerle mit ihren bunten Schnäbeln lassen sich hier normalerweise geduldig ablichten, während sie mit gespreizten Füßchen an- und abfliegen.

Tja, und jetzt kommt das kleine "aber" (Timing ist eben alles): Ende August haben die allermeisten dieser Gefiederten die Klippen bereits Richtung offenes Meer verlassen, wo sie den Winter auf hoher See verbringen (oder in Neufundland und anderen Gebieten) - weshalb uns leider das ganz große Vogelkino verwehrt blieb. Gleich am Beginn des Weges fanden wir aber tatsächlich noch eine Klippe, an der jede Menge möwenähnliche Vögel (vermutlich Dreizehenmöwen oder Eissturmvögel) unterwegs waren - und mit "jede Menge" meine ich wirklich extrem viele, die dort kreisten, riefen und in den Felsnischen saßen. Zusammen mit den weißen Kalkspuren, die die Kolonien über den ganzen Sommer an den grünen Hängen hinterlassen haben, bekommt man zumindest eine leise Ahnung davon, was hier zur Hochsaison los sein muss.
https://www.youtube.com/watch?v=IxD--s70rAc

Was uns aber definitiv entschädigt hat, waren die Klippen selbst. Diese schier endlosen, saftig grünen Wiesen, die sich sanft bis ganz an die Kante ziehen und dann völlig unvermittelt senkrecht mehrere hundert Meter ins tosende Meer abstürzen - das ist schwer in Worte zu fassen. Man legt sich (mit gebührendem Respekt und Sicherheitsabstand, davor warnen auch mehrere Schilder eindringlich) vorsichtig an den Rand, blickt hinunter auf die Brandung und fühlt sich wieder mal “etwas” klein. Wir wanderten ein gutes Stück an der Kante entlang, immer neue Aussichten, immer neue vorgelagerte Felstürme und Buchten - ich lass an dieser Stelle aber mal wieder die Fotos sprechen, die kriegen das besser hin als ich.


Ganz am westlichsten Zipfel steht dann noch der kleine weiße Bjargtangar-Leuchtturm, und daneben ein Schild, das einem schwarz auf gelb bestätigt: "Westernmost point of Iceland and/or Europe". Weiter westlich geht's hier also nicht mehr.

Danach ging's retour über dieselben mühsamen Straßen, diesmal Richtung Rauðisandur. Und auch hier konnten wir nicht widerstehen und legten Zwischenstopps ein, um die Strände und die Umgebung einzufangen - unter anderem eine gewaltige Flussmündung, die sich in Schleifen durch das Watt ins Meer ergießt und die aus der Vogelperspektive (unsere Drohne durfte bei dem Wetter natürlich wieder mit) wie ein abstraktes Gemälde aussieht.



Aber all das wurde nochmal komplett überstrahlt, als wir schließlich in Rauðisandur ankamen. Denn was sich hier vor uns auftat, war mit nichts vergleichbar, was wir auf dieser Reise bisher gesehen hatten.
Wieder ein kleiner Exkurs für alle Interessierten (wer sich für Geologie nicht erwärmen kann, scrollt einfach zum nächsten Absatz): Rauðisandur bedeutet übersetzt schlicht "roter Sand", und der Name kommt nicht von ungefähr. Anders als die pechschwarzen Lavastrände, für die Island berühmt ist, leuchtet der Sand hier in warmen Gelb-, Orange- und Rottönen - und das Faszinierende ist, dass sich diese Farbe je nach Lichteinfall, Tageszeit und Wetter ständig verändert, von hellem Goldgelb bis fast Rosarot. Der Grund dafür liegt im Ursprung des Sandes: Er besteht zu großen Teilen nicht aus zermahlenem Gestein, sondern aus über Jahrtausende zerriebenen Muschelschalen (vor allem Jakobsmuscheln), die dieses feine, rötlich schimmernde Pulver ergeben. Dazu kommt, dass sich der Strand über rund 10 km erstreckt und bei Ebbe gigantische Wattflächen freigibt, über die sich das zurückweichende Wasser in unzähligen kleinen, glitzernden Rinnsalen zurück ins Meer schlängelt. Das Ergebnis ist eine scheinbar unendliche Weite, in der Meer, Sand und Himmel an manchen Stellen fast ineinander übergehen. Wer Glück hat, entdeckt hier draußen übrigens auch Robben, die sich auf den Sandbänken sonnen. Kurzum - schlichtweg atemberaubend, und ganz anders, als man sich Island gemeinhin vorstellt.




Und damit zur kleinen, sehr persönlichen Geschichte des Tages: Patci hatte sich fest in den Kopf gesetzt, unbedingt ein bisschen von diesem besonderen roten Sand als Andenken mitzunehmen. Was wir dabei aber gehörig unterschätzt hatten - der eigentliche Strand am Meer ist vom Parkplatz gute 4 km entfernt. Und diese Weite spielt einem gewaltig Streiche, weil man das Gefühl hat, einfach nicht näherzukommen, egal wie lange man geht (das Auge hat hier draußen schlicht keinen Maßstab). Nach etwa der Hälfte der Strecke hatte ich dann ehrlich gesagt die Lust verloren, weiterzustapfen - es wirkte endlos, und noch dazu kamen uns immer wieder kleine Rinnsale in die Quere, die man barfuß oder mit gezieltem Sprung durchqueren musste. Also machte ich es mir gemütlich und blieb zurück, während Patci todesmutig und voller Tatendrang alleine weiterzog (Fotos gibt's natürlich als Beweis, inklusive der eleganten Rinnsaldurchquerung). Und siehe da - sie kam eine ganze Weile später strahlend zurück und hatte nebenbei noch einige der schönsten Aufnahmen dieser ganzen Weite geschossen. Manchmal zahlt sich Durchhaltevermögen eben doch aus - und manchmal bleibt man einfach entspannt sitzen und lässt sich hinterher die Bilder zeigen.

https://www.youtube.com/watch?v=Zu05GMIerj8



https://www.youtube.com/watch?v=AMEdUCY7BX0
Schließlich ging's zu unserem Nachtquartier - einem Campingplatz kurz vor Flókalundur. Und was sollen wir sagen: vom View und der Lage her war das mit Abstand der schönste Campingplatz unserer bisherigen Reise. Wir bauten unser Zelt direkt neben dem Tesla auf (unser mittlerweile fast eingespieltes Ritual), kochten in der tief stehenden Abendsonne und ließen es uns bei gutem Essen und diesem Wahnsinnsausblick auf Meer, Strand und Berge so richtig gut gehen. Wie die Sonne dann langsam über dem Wasser versank und den ganzen Himmel in Gold und Orange tauchte, dachten wir uns nur: perfekter geht ein Tag eigentlich nicht mehr.


Doch als wäre der Tag nicht schon großzügig genug mit uns gewesen, hatte Island noch ein allerletztes Ass im Ärmel. Erst stieg der Mond auf und legte eine silberne Spur über den ruhigen Fjord, und dann, gegen 22:30 Uhr, das große Finale: Polarlichter. Zuerst nur ein blasser grüner Schleier, der aber innerhalb von Minuten immer kräftiger wurde, bis sich ein leuchtend grünes Band über den dunklen Bergsilhouetten und direkt über unserem Zelt entlangschlängelte und tanzte (auch das hielten wir auf Fotos & Videos für euch fest, auch wenn keine Kamera - schon gar keine Handykamera - dieses Gefühl je einfangen kann). Wir lagen/standen einfach nur da und staunten immer wieder wie kleine Kinder.


https://www.youtube.com/watch?v=8BAL_dVMarM
Vom westlichsten Punkt Europas über endlosen roten Sand bis zu grünem Nordlicht am Campingplatz direkt am Meer - so ein Tag lässt sich nicht planen, er passiert wohl einfach…
At 9 am we set off from the Strönd Guesthouse towards Latrabjarg - and as far away as that looks on the map (about 2 h drive, which with all the photo stops stretched to at least 3 h), the road conditions were just as arduous. Anyone travelling the Westfjords knows that "road" is a fairly elastic term here - endless gravel tracks, corrugated washboard that shakes the car (and your intervertebral discs) through, narrow passages that wind along steep slopes, and hairpin bends where you'd better not look too far down. You can see it in the photos.
But - and this is the big "but" of this day - Mother Nature finally meant really well by us for once: radiant sunshine, deep blue sky and dreamy weather, the likes of which we'd rarely had on this trip until then.
Along the way we of course had to briefly stop again and again to capture this landscape. There was, for example, this small cairn (a stacked stone tower - Kleifabui) that thrones solitarily over a fjord and looks as if it were keeping watch.

Or a whole mountain range with these typical table mountains of the Westfjords, cut off at the top as if with a ruler - in front of it a fjord whose water was so turquoise-clear and calm that the mountains were reflected in it and you could see every single stone on the bottom.

And then a second highlight practically pushed itself into our path unplanned: the wreck of the Garðar BÁ 64, Iceland's oldest steel ship (built 1912), which has been rusting away here on the gravel beach since the early 80s. Such a red-brown colossus in the middle of this deserted wilderness has something "mysteriously" beautiful about it.


But now to the actual destination - Latrabjarg. And here I have to elaborate a bit, because this place is something very special: Latrabjarg is the largest bird cliff in Europe, a full 14 km long and in some places up to 440 m high - and at the same time the westernmost point of Iceland and Europe. In the high season from May to August this is a natural spectacle without equal: millions of seabirds in around 10 species populate the cliffs - around a million puffins (Icelandic "Lundi") alone, plus razorbills ("Álka"), common guillemots, gannets, black-legged kittiwakes and northern fulmars ("Fýll"). Right by the path there are lovingly designed information boards explaining exactly these species. The really crazy thing about this place: because the cliffs are protected and the birds have barely got to know humans as a threat over generations, they often sit just one or two metres next to the path - which is why Latrabjarg is regarded worldwide as one of the best places to photograph puffins up close. The little fellows with their colourful beaks normally let themselves be patiently photographed here as they take off and land with splayed little feet.

Well, and now comes the little "but" (timing is everything): by the end of August most of these feathered ones have already left the cliffs towards the open sea, where they spend the winter on the high seas (or in Newfoundland and other areas) - which is why we were unfortunately denied the really big bird cinema. Right at the start of the path, though, we did actually still find a cliff where plenty of gull-like birds (probably kittiwakes or fulmars) were about - and by "plenty" I really mean an extreme number of them, circling, calling and sitting in the rock niches there. Together with the white lime traces that the colonies have left on the green slopes over the whole summer, you at least get a faint idea of what must be going on here in the high season.
https://www.youtube.com/watch?v=IxD--s70rAc

What definitely made up for it, though, were the cliffs themselves. These almost endless, lush green meadows that gently stretch right to the edge and then, completely abruptly, plunge vertically several hundred metres into the raging sea - that's hard to put into words. You lie down (with due respect and a safe distance, which several signs also urgently warn about) carefully at the edge, look down at the surf and feel "somewhat" small again. We hiked a good stretch along the edge, always new views, always new offshore rock towers and bays - but at this point I'll again let the photos speak, they manage it better than I do.


Right at the westernmost tip stands the small white Bjargtangar lighthouse, and next to it a sign that confirms in black on yellow: "Westernmost point of Iceland and/or Europe". So it doesn't go any further west than here.

After that we headed back over the same arduous roads, this time towards Rauðisandur. And here too we couldn't resist and made intermediate stops to capture the beaches and the surroundings - among them a mighty river mouth that pours in loops through the mudflats into the sea and that, from a bird's-eye view (our drone was of course allowed along again in this weather), looks like an abstract painting.



But all of that was completely outshone again when we finally arrived in Rauðisandur. Because what opened up before us here was comparable to nothing we'd seen on this trip so far.
Again a small excursion for all those interested (anyone who can't warm to geology just scrolls to the next paragraph): Rauðisandur simply means "red sand" in translation, and the name doesn't come from nowhere. Unlike the pitch-black lava beaches Iceland is famous for, the sand here glows in warm yellow, orange and red tones - and the fascinating thing is that this colour constantly changes depending on the light, time of day and weather, from bright golden yellow to almost pinkish red. The reason lies in the origin of the sand: it largely doesn't consist of ground rock, but of shell fragments (especially scallops) ground down over millennia, which yield this fine, reddish-shimmering powder. On top of that, the beach stretches over around 10 km and, at low tide, exposes gigantic mudflats over which the receding water winds back into the sea in countless small, glittering rivulets. The result is a seemingly endless expanse in which sea, sand and sky almost merge in some places. Anyone lucky, by the way, also spots seals out here basking on the sandbanks. In short - simply breathtaking, and quite different from how you usually imagine Iceland.




And now to the little, very personal story of the day: Patci had firmly set her mind on definitely taking a bit of this special red sand along as a keepsake. But what we badly underestimated - the actual beach at the sea is a good 4 km from the car park. And this vastness plays huge tricks on you, because you have the feeling you're simply not getting any closer, no matter how long you walk (the eye out here simply has no scale). After about half the distance I'd honestly lost the desire to keep trudging - it seemed endless, and on top of that small rivulets kept getting in our way, which you had to cross barefoot or with a well-aimed jump. So I made myself comfortable and stayed behind, while Patci, brave as anything and full of drive, went on alone (there are of course photos as proof, including the elegant rivulet crossing). And lo and behold - she came back beaming a good while later and had, on the side, taken some of the loveliest shots of this whole expanse. Sometimes perseverance does pay off after all - and sometimes you just stay comfortably seated and have the pictures shown to you afterwards.

https://www.youtube.com/watch?v=Zu05GMIerj8



https://www.youtube.com/watch?v=AMEdUCY7BX0
Finally we headed to our night's lodging - a campsite just before Flókalundur. And what can we say: in terms of view and location, that was by far the most beautiful campsite of our trip so far. We set up our tent right next to the Tesla (our by now almost well-rehearsed ritual), cooked in the low evening sun and had a really good time with good food and this insane view of sea, beach and mountains. As the sun then slowly sank over the water and bathed the whole sky in gold and orange, we just thought: a day can't really get any more perfect than this.


But as if the day hadn't already been generous enough with us, Iceland had one very last ace up its sleeve. First the moon rose and laid a silver trail across the calm fjord, and then, around 10:30 pm, the grand finale: northern lights. At first only a pale green veil, which within minutes grew ever stronger, until a glowing green band snaked and danced along above the dark mountain silhouettes and right over our tent (we captured that too in photos & videos for you, even if no camera - let alone a phone camera - can ever capture this feeling). We just lay/stood there and marvelled again and again like little children.


https://www.youtube.com/watch?v=8BAL_dVMarM
From the westernmost point of Europe over endless red sand to green northern lights at the campsite right by the sea - a day like this can't be planned, it probably just happens…
Bis bald!
Jürgen