Tag 14: Von der Lava in die "Laugar"
← Alle Artikel

Geldingardalir · Sky Lagoon - Reykjavik · Grindavik · 2026-08-26

Tag 14: Von der Lava in die "Laugar"

von Jürgen 5 Min. Lesezeit

Nach den letzten beiden gemütlichen Städtetagen in Reykjavik hieß es heute noch einmal was Einzigartiges anschauen, denn wir haben spontan entschieden, dass wir uns ein “aktives” Vulkangebiet anschauen wollen. Also ging's am Morgen los Richtung Süden, auf die Halbinsel Reykjanes nach Grindavik.

Die Fahrt durch Grindavik selbst hat uns dann ehrlich gesagt ziemlich sprachlos gemacht. Wer die Nachrichten der letzten Jahre verfolgt hat, weiß, dass dieser kleine Fischerort seit Ende 2023 immer wieder von Vulkanausbrüchen bedroht wird und sogar komplett evakuiert werden musste. Überall in und um die Stadt sieht man riesige, künstlich aufgeschüttete Wälle aus Schotter und Stein, die wie gigantische Schutzmauern die Häuser und das nahegelegene Kraftwerk vor der heranfließenden Lava bewahren sollen. Ein bisschen fühlt man sich wie in einer Endzeit-Kulisse, und es führt einem sehr direkt vor Augen, wie nah die Menschen hier mit den Naturgewalten leben.

Von Grindavik ging's direkt weiter zum Parkplatz P1 am Fagradalsfjall, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Nach einem kurzen Blick auf die große Wanderkarte machten wir uns auf die rund 3-stündige Tour, zuerst über schwarze Schotterpfade, vorbei an grün-braunen Hügeln und hinunter in ein weites Tal. Und dann standen wir plötzlich davor: ein Lavafeld. Ein schier endloses, graues Meer aus erstarrtem, aufgetürmtem Gestein, das sich dort, wo einst die Lava floss, brutal gegen die weichen, moosbewachsenen Hänge drückt.

Die Ausmaße sind einfach unbeschreiblich, und erst aus der Vogelperspektive (unsere Drohne durfte natürlich mit) wurde so richtig klar, welche gewaltige Zunge aus Lava sich hier durch die Landschaft geschlängelt hat. Auf einem der Bilder stehen wir beide als winzige rote Punkte mitten im Feld, und genau das zeigt die Dimension besser als alles was ich hier schreiben könnte.

https://youtu.be/AvHtFZ7W03A

Ein bisschen Kontext dazu, denn die Geschichte dieses Ortes ist wirklich faszinierend: Am 19. März 2021 brach der Fagradalsfjall zum ersten Mal seit rund 6.000 Jahren wieder aus, und es war gleichzeitig der erste Vulkanausbruch auf der gesamten Reykjanes-Halbinsel seit etwa 800 Jahren. Ein halbes Jahr lang ergoss sich die Lava damals ins Geldingadalir-Tal, genau dort, wo wir heute standen. 2022 folgte ein weiterer Ausbruch im benachbarten Meradalir, 2023 dann beim Litli-Hrútur, und seit Ende 2023 hat sich das Geschehen weiter Richtung Grindavik verlagert (daher auch die Schutzwälle, die uns morgens so beeindruckt hatten). Diese Halbinsel ist nach langem Schlaf also so richtig aufgewacht, und wir durften hautnah miterleben, wie hier gerade "neues Land" entsteht.

Besonders spannend fanden wir die feinen Risse und Spalten, die sich quer durch den Boden ziehen und dass Teile des Lavafelds nach wie vor “dampfen”. Zum Abschluss der Wanderung ging's noch hinauf auf den gegenüberliegenden Grad um mit einem grandiosen Blick über das gesamte Lavafeld hinweg direkt auch den Vulkankrater selbst sehen zu können. Der Nebel zog uns zwar zeitweise die Sicht zu, aber genau das hatte auch etwas Mystisches, und für ein verschwitztes, glückliches Gipfel-Selfie hat's natürlich trotzdem gereicht.

Nach so vielen Höhenmetern, Wind und Vulkangestein hatten wir uns dann aber definitiv eine Belohnung verdient, und die kam in Form der Sky Lagoon. Dieser Geothermal-Spa liegt direkt an der Küste am Rande von Reykjavik und fügt sich mit seinem begrünten Grasdach fast schon unsichtbar in die Landschaft ein, ganz so, als wäre er schon immer Teil der Küste gewesen. Herzstück ist der berühmte Infinity-Pool, dessen Wasserkante optisch nahtlos in den Atlantik überzugehen scheint. Allein dieser Blick aufs offene Meer, während man im dampfenden Warmwasser sitzt und langsam die Sonne untergeht, war die Sache schon wert.

Das eigentliche Highlight ist aber das sogenannte Skjól Ritual, eine 7-stufige Wellness-Zeremonie, die auf alter isländischer Badetradition beruht. Und weil's so schön war, nehmen wir euch einmal Schritt für Schritt mit:

  1. Laug (die Lagune): Zuerst geht's ganz gemütlich ins warme, geothermale Wasser der Lagune - umringt von schwarzen Lavafelsen - unheimlich cooles Setting
  2. Kuldi (die Kälte): Danach der Sprung ins eiskalte Tauchbecken (5° C) , ein ordentlicher Weckruf für den Kreislauf (und definitiv der Moment, in dem man kurz an seiner Entscheidung zweifelt).
  3. Ylur (die Wärme): Aufwärmen in der Sauna, die eine riesige Panoramascheibe mit Blick aufs Meer hat, unfassbar schön. Wir haben schon viele Saunen von innen gesehen aber das war definitiv die Beeindruckendste…
  4. Súld (der Nebel): Eine kühle, sehr feine “Nebeldusche” zur Erfrischung - vorher geht's durch einen dunklen Holzgang vorbei an aufgespießtem Kabeljau, wie es die Vikinger zu tun pflegten, direkt in einen schönen Vorhof aus Holz in welchem von oben ganz feiner Sprühnebel aus kaltem Wasser auf einen heruntertröpfelte
  5. Mýkt (die Weichheit): Ein Körperpeeling (Sky Body Scrub - ich vermute aus Salz und irgendwelchen Ölen…), das man sich aufträgt, damit es in den nächsten Schritten einwirken kann.
  6. Gufa (der Dampf): Ab ins Dampfbad, wo das Peeling seine Wirkung entfaltet und die Haut danach herrlich weich ist
  7. Saft (der Trunk): Zum Abschluss ein Getränk aus Krækiber, den isländischen Krähenbeeren, die überall auf den Lavafeldern wachsen - sehr lecker!

An der Wand im Inneren steht ein Spruch, der diesen Tag eigentlich perfekt zusammenfasst: "Embrace the day, then set it free." Danach nochmal zurück in die Lagune, einen Somersby Cider bei der Bar schnappen, aufs Meer blicken und den Tag Revue passieren lassen. Von rauchenden Kratern und schwarzen Lavafeldern am Vormittag bis zum wohlig-warmen Infinity-Pool im Sonnenuntergang, kontrastreicher kann ein Island-Tag kaum sein. Und genau das lieben wir an dieser Insel so sehr!

Bis bald!

Jürgen

← Vorheriger
Tag 13: Massentourismus am Golden Circle
Nächster →
Tag 15: Vom Massentourismus in die Idylle