Strom gibt's fast überall. Aber vor allem in Island. Und das noch dazu grün.
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Pucking · 2026-07-27

Strom gibt's fast überall. Aber vor allem in Island. Und das noch dazu grün.

von Jürgen 8 Min. Lesezeit

Ein E-Auto. Eine Insel am Rand des Nordatlantiks. Wind, Kälte, weite Strecken zwischen den Orten und die alte Frage “Ihr tut euch das mit dem E-Auto an? Geht das überhaupt?". Genau das wollen wir wissen: Kommt man mit unserem E-Auto (Tesla Model Y) wirklich einmal um Island herum, über die Ringstraße und rauf in die Westfjorde, ohne ständig auf die Prozentanzeige schauen zu müssen?

Kurze Antwort: hoffentlich! Ob's wirklich so gut funktioniert werden wir euch im Zuge unserer Reise wissen lassen aber was wir in unserer Recherche im Vorhinein rausfinden konnte, sollte es überraschend entspannt möglich sein. In diesem Artikel nehmen wir euch mit durch das Thema E-Mobilität auf einer Insel, zeigen euch echte Verbrauchszahlen aus unseren eigenen Fahrdaten, erklären warum ein E-Auto zum Campen oft besser als ein Verbrenner ist, und geben euch am Ende unsere interaktive Ladekarte plus die Apps an die Hand, mit denen ihr eure eigene Route planen könnt.


Erst mal die Basics: Wie lädt man so ein E-Auto überhaupt?

Für alle, die noch nie an einer Ladesäule standen, ganz kurz und schmerzlos, weil es wirklich nicht kompliziert ist.

Statt Liter denkt man in Prozent und in kWh (Kilowattstunden, die Einheit für Strommenge). Statt "voll" sagt man "100 Prozent", und statt Tankstelle gibt es zwei Sorten Lader:

  • AC, langsam. Das ist im Grunde Haushaltsstrom, 11 bis 22 kW. Damit lädt man über Nacht, im Hotel, an der Ferienwohnung, am Campingplatz. Perfekt zum Schlafen, unbrauchbar für die Eile.
  • DC, schnell. Die großen Säulen mit 50 bis 250 kW. Da geht es in 10 bis 30 Minuten von fast leer auf gut voll. Das sind die Lader, an denen man auf einer Reise wirklich unterwegs "tankt", während man einen Kaffee trinkt, kurze Pause macht oder mal schnell einen Snack zu sich nimmt.

Der zweite Denkfehler, den fast jeder am Anfang macht: Man lädt nicht, wenn der Akku leer ist. Man lädt, wo man sowieso steht. Beim Frühstück, am Wasserfall, beim Einkaufen. Das E-Auto verlangt kein "erst leer fahren, dann volltanken", sondern ein “immer mal wieder ein Bisschen laden."

Und weil unser Model Y einen genormten CCS-Anschluss hat, kann es in Island an allem laden: an den Tesla-Superchargern genauso wie an den Säulen der anderen Anbieter. Ein Auto, jeder Lader. As easy as it gets.


Wie viel Strom brauchen wir eigentlich?

Jetzt wird es interessant, denn wir raten den Verbrauch nicht, wir wissen ihn. Unser Tesla hängt an Tessie, einem Dienst, der jede einzelne Fahrt mitschreibt und für uns auswertbar macht. Für diesen Artikel haben wir alle Fahrten seit Anfang 2024 ausgewertet: rund 2.760 Fahrten, etwa 61.000 Kilometer.

Der Verbrauch, den man dafür kennen muss, heißt Wh/km, also Wattstunden pro Kilometer. Je kleiner die Zahl, desto sparsamer. Unser Flottenschnitt über alle 61.000 km liegt bei 189 Wh/km. Klingt gut, ist aber für Island die falsche Zahl, weil Island nicht der Durchschnitt ist. Island ist kalt und windig, und dort fährt man lange gleichmäßige Landstraße. Beides treibt den Verbrauch.

Was Kälte macht, sieht man in unseren Daten sofort:

AußentemperaturVerbrauch
über 20 °C170 Wh/km
10 bis 15 °C187 Wh/km
5 bis 10 °C200 Wh/km
unter 0 °C232 Wh/km

Ein kaltes Auto braucht spürbar mehr, weil Batterie und Innenraum geheizt werden wollen und Akkus generell keine Kälte mögen. Genau diese kalten, zügigen Fahrten haben wir herausgefiltert (alle Fahrten unter 12 °C mit einem Schnitt zwischen 60 und 100 km/h, immerhin 306 Stück über 12.360 km) und sind auf unseren Island-Planungswert von 210 Wh/km gekommen.

Was heißt das für die Reichweite? Unser Model Y hat rund 75 kWh nutzbaren Akku (eigentlich 90 kWh in unserer Modelausführung aber realistisch können wir mit 70-75 kWh rechnen). Mit 210 Wh/km ergibt das eine praktische Reichweite von 250 bis 320 Kilometern, je nachdem wie kräftig der Wind gerade bläst. Wir merken uns: 1 Prozent Akku sind rund 3,75 km, volle 100 Prozent also grob 375 km.

Kleine Sidenote: Wir fahren überwiegend im August, und der ist milder als sein Ruf. Der reale Verbrauch dürfte eher bei 190 bis 200 Wh/km liegen, wir planen aber bewusst mit 210 als Sicherheitspuffer. Lieber einmal zu viel geladen als einmal am Straßenrand über das Leben nachgedacht.\

Und weil alle immer nach dem Preis fragen: Für die ganze Insel, grob 3.000 bis 3.500 km im Tesla, rechnen wir mit rund 300 bis 400 Euro Ladekosten. Zum Vergleich: Sprit ist in Island richtig teuer (deutlich über zwei Euro pro Liter). Ein vergleichbarer Verbrenner-SUV käme auf der gleichen Strecke auf jeden Fall auf mehr Kosten. Elektrisch fahren rechnet sich hier also auch kostentechnisch.


Warum ein E-Auto zum Campen fast unfair gut ist

Das ist der Teil, den wir in den letzten Jahren seit wir ein E-Auto haben, zu lieben gelernt haben. Ein E-Auto ist nämlich nicht nur ein Auto, das mit Strom fährt. Es ist ein fahrender Akku, und das verändert das Campen komplett.

Camp Mode: Der Tesla (und auch andere E-Autos) kann die Klimaanlage über Nacht durchlaufen lassen, ohne dass der Motor läuft, leise und sauber. In einer kühlen Islandnacht hält er uns die Kabine auf angenehmen 16 bis 18 Grad, an einem seltenen warmen Tag kühlt er stattdessen. Kein Kondenswasser, kein Frieren, kein Aufwachen um vier Uhr früh. Dank der Wärmepumpe zieht das im August nur etwa 8-10 kWh pro Nacht, also rund 10-13 Prozent Akku.

Immer eine Steckdose dabei. Über 12V laden wir aus dem Tesla eine 230-Volt-Powerstation, die wiederum Laptop, Kamera-Akkus, Drohne und den Rest mit sauberem Strom mit 230V versorgt. Der Tesla ist die große Powerbank, die Powerstation die handliche für das Zelt, die uns erlaubt auch “normale” Haushaltsgeräte anzuschließen.

Eine mobiler Kühlschrank. An den 12V hängt zusätzlich auch unsere Kühlbox, und die bleibt kühl, solange das Auto Akku hat. Skyr, Käse und das kalte Getränk am Abend sind also gesichert.

Das Anbauzelt von Tentsla. Geschlafen wird im umgeklappten Kofferraum des Model Y (Details dazu gibt's noch in unserem “Ausrüstungs"-Blogartikel - stay tuned!). An die Heckklappe kommt ein passgenaues Anbauzelt von Tentsla, das den Schlafplatz um einen trockenen Vorraum erweitert. Umziehen, Gepäck sortieren, bei Regen die Schuhe ausziehen - ein kleiner, warmer “Wohnraum”, der uns das “kleine Basislager” schafft, das wir für Camping und solche Urlaub benötigen.

Kurz gesagt, das Auto fährt uns nicht nur von A nach B. Es heizt uns, kühlt unser Essen, lädt unsere Technik und gibt uns ein kleines Wohnzimmer für längere Trips & Stays.


Die Ladekarte und wie ihr eure Route plant

Damit aus "es geht schon irgendwie" ein echter Plan wird, haben wir uns eine eigene interaktive Ladekarte erstellt: alle relevanten Supercharger und Schnelllader entlang unserer Route, gefiltert nach Ladeleistung, dazu unsere Campingplätze, Hotels und die schönsten Stopps. Grün umrandet sind die Lader, an denen wir bewusst laden wollen, gestrichelt die, die wir vor Ort erst noch auf Aktualität prüfen.

Karte im Vollbild öffnen ↗

Ihr müsst so eine Karte aber nicht selbst basteln. Für die Routen- und Ladeplanung gibt es hervorragende Werkzeuge, und wir nutzen im Alltag genau diese drei:

  • A Better Route Planner (ABRP) ist ein recht populärer und zuverlässiger Routenplaner. Man gibt sein Automodell und den Verbrauch ein (bei uns das Model Y mit 210 Wh/km), und ABRP rechnet die komplette Strecke inklusive Ladestopps, Ladedauer und Ankunfts-Akkustand durch. Sogar Wind und Höhenprofil kann es berücksichtigen.
  • PlugShare ist die große Community-Karte. Hier sieht man jeden Lader, aber vor allem die Kommentare anderer Fahrer: Funktioniert die Säule? Ist sie belegt? War sie letzte Woche kaputt?
  • Chargemap ist die europäische Alternative zu PlugShare, mit etwas anderer Datenbasis. Wir nutzen sie zum Gegenchecken, wenn ein Standort unklar ist. Zwei Meinungen sind besser als eine.

Eine wichtige Island-Lektion: Europäische Roaming-Ladekarten (EnBW, Maingau, Shell Recharge und Co.) funktionieren in Island im Regelfall nicht. Ohne die isländischen Apps steht man an der vollen Säule und kommt trotzdem nicht an den Strom. Wir installieren deshalb vor der Abfahrt alle nötigen Apps und hinterlegen überall eine Bezahlmöglichkeit: Tesla, ON, Ísorka, Orkan (e1) und N1. Dazu immer kontaktlose Kreditkarten dabei, denn manche Lader nehmen die auch direkt.\


Fazit

Elektrisch ganz Island ist also kein Abenteuer für Wagemutige mehr, sondern ein gut planbarer Roadtrip. Man braucht ein bisschen anderes Denken, gute Planung, die richtigen Apps und einen guten Blick auf den eigenen Verbrauch. Dann wird aus dem vermeintlichen Nachteil ein handfester Vorteil: ein leises, warmes, gekühltes, immer geladenes Basislager auf vier Rädern, das obendrein einiges Spritkosten spart.

Wir sind gespannt, ob unser Plan die Realität überlebt. Die echten Zahlen von der Insel, die (hoffentlich) wenigen Pannen und die Momente, in denen wir doch nervös auf die Prozentanzeige geschaut haben, gibt es dann sobald's im August für uns losgeht. Wir freuen uns!

Bis bald!

Jürgen

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